Meine Auszeit L

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Ich war eine Woche segeln. Zusammen mit meiner Frau habe ich einen alten Schulfreund bei der Überführung seines Bootes von Kiel nach Oldersum begleitet. Die Route führte uns durch den Nord-Ostsee-Kanal, nach Cuxhaven (neuWerk haben wir aus Zeitgründen leider nur von Weitem gesehen), auf die Ostfriesischen Inseln Wangerooge, Langeoog und Norderney sowie nach Greetsiel.
 

Natur bestimmt

Beim Segeln kann ich wunderbar abschalten. Wenn Wind und Wasser so stark sind, dass sich der Gedanke, es könne so gar nichts passieren, nicht mehr einstellen will, dann brauche ich meine volle Konzentration für das Boot: Seine Lage am Wind und im Wasser, den Abstand zu Untiefen, Gefahrenstellen und Sandbänken, die Stellung und Trimmung der Segel. Und das alles nicht zum Selbstzweck, sondern um die Sicherheit von Mannschaft und Boot zu jedem Zeitpunkt sicherzustellen. Oder wenn Tide, Strömung und Wind ein Weiterkommen unsinnig bis unmöglich machen. Wenn wir im Wattfahrfasser aufgelaufen sind oder vor einem Watthoch geankert haben und die Natur bestimmt, wann es weitergeht.
 

Klarheit kommt leicht

Dann habe ich das Gefühl von Nähe zur Natur, von Unmittelbarkeit, Ursprünglichkeit und Demut. Und damit ganz von selbst einen großen Abstand von dem, was mich sonst voll in Beschlag nimmt. Das wiederum ermöglicht mir einen viel intuitiveren Rhythmus sowie eine ganz andere Sicht auf die Werte hinter meinem Tun, die Bedürfnisse hinter meinen Zielen und die Beziehungen in meinem Leben. Ich kann einen Schritt zurück treten und in Ruhe auf all das Blicken, ohne den (ja, ich weiß: zu mindestens 80% selbst auferlegten) Druck, gleich noch dieses oder jedes tun oder erledigen zu müssen. Die Dinge werden klarer, offensichtlicher und ruckeln sich in ihren Bedeutungen ganz leicht zurecht.
 

Klarheit geht leicht

Viel tun musste ich dafür nicht. Die Natur war so präsent während unseres Törns, dass (fast) alle Termine und alle Todos meines sonstigen Alltags bis zur Unkenntlichkeit verblassten. Der schwierige Part kommt jetzt, nachdem ich wieder zu Hause bin und die Kraft der Nordsee nicht mehr automatisch und unmissverständlich „Wichtig“ und „Unwichtig“ voneinander trennt und die vielen Kleinigkeiten um mich herum mich einladen, alles wieder genauso zu machen wie vorher. Aber es ist nicht unmöglich und viele der Erinnerungen an die Zeit auf dem Wasser sind gute Anker dafür, einmal öfter inne zu halten und mich zu fragen:

Wichtig? Und wenn ja, wofür genau?

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